Wie gefährlich sind Verschwörungstheorien?

Ob außerirdische Reptilien, die unsere Welt regieren oder eine inszenierte Mondlandung im Filmstudio: Kuriose Verschwörungstheorien existieren wie Sand am Meer und verbreiten sich vor allem über das Internet rasant. Dr. Michael Butter, Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und Autor des Buches „Nicht ist, wie es scheint“ spricht im Interview mit PolizeiDeinPartner über den Reiz von Verschwörungstheorien, die potenziellen Gefahren und mögliche Präventionsansätze.

Herr Butter, viele Menschen glauben an Verschwörungstheorien und verbreiten diese weiter. Woran kann man eine typische Verschwörungstheorie erkennen?
Verschwörungstheorien behaupten, dass es eine im Geheimen operierende Gruppe gibt, die Verschwörer, die Ereignisse manipulieren, um bestimmte Ziele zu erreichen. Alle Verschwörungstheorien haben im Grunde drei Dinge gemeinsam: Sie gehen davon aus, dass alles geplant wurde, also nichts durch Zufall geschieht. Außerdem glauben sie, dass nichts so ist, wie es scheint. Deshalb müsse man unter die Oberfläche schauen, um zu erkennen, was wirklich vor sich geht. Und wenn man dies tut, erkennt man drittens, dass es Verbindungen gibt zwischen Ereignissen, Personen und Institutionen, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Dass quasi alles miteinander verbunden ist. Prominente Verschwörungstheorien stellen sich in der Regel die Frage „Cui bono?“ – „Wem nützt das?“. Bill Gates profitiert angeblich von der Corona-Krise, also muss er mit seiner Stiftung dahinterstecken. Die amerikanische Regierung hat von den Angriffen auf das World Trade Center profitiert, weil man im Irak einmarschieren konnte. Also muss die CIA dahinterstecken. Außerdem teilen Verschwörungstheorien die Welt immer ganz klar in Gut und Böse ein: Es gibt immer nur die Verschwörer und die Opfer der Verschwörung. In Deutschland gehen Verschwörungstheorien in der Regel davon aus, dass bestimmte Eliten dunkle Ziele verfolgen, die den Interessen des Volkes widerstreben.

Viele Verschwörungstheorien existieren bereits seit Jahrhunderten. Welche Theorien halten sich schon besonders lange – und welche neuen Theorien sind aktuell besonders populär?
Da gibt es zum einen die „klassische“ Theorie von der jüdischen Weltverschwörung. Sie beruht auf der Annahme, dass es eine Weltjudengemeinde gibt, die sich gegen die nichtjüdische Welt, insbesondere die Christenheit, verschwört. Dieser Mythos stammt aus dem Mittelalter. Aber auch Vorwürfe gegenüber Illuminaten und Freimaurern sind bereits Jahrhunderte alt. Moderne Theorien knüpfen sich gerne die amerikanische Regierung oder dunkle internationale Eliten als Strippenzieher vor. Sie bauen auf bereits existierenden Theorien auf und erzählen zum Beispiel die Corona-Krise nur als das letzte Kapitel in einem schon viel länger andauernden Komplott. Das heißt, die Bösen, die man vorher schon im Blick hatte, sind auch jetzt die Bösen. Verschwörungstheorien über Bill Gates und die WHO gab es auch vorher schon. In der momentanen Situation sind fast alle Verschwörungstheorien populistisch aufgeladen. Das erklärt auch, weshalb Bewegungen wie Pegida, die AfD und neuerdings auch Corona-Protestgruppierungen so vielen Verschwörungstheoretikern Zuflucht bieten. Populistische Bewegungen stört es nicht, dass die einen die große Weltverschwörung wittern und die anderen vielleicht nur denken, dass Angela Merkel einfach unfähig ist.

Wo und wie verbreiten Verschwörungstheoretiker ihre Überzeugungen?
Immer und überall dort, wo sie die Gelegenheit dazu haben – etwa bei Vorträgen oder auf der Straße. Jetzt im 21. Jahrhundert sind ihr Hauptkanal allerdings die sozialen Medien. Zwar hat das Internet nicht dazu geführt, dass es einen sprunghaften Anstieg an Verschwörungstheorien gab. Sie sind durch das Internet jedoch wieder sichtbarer und verfügbarer geworden. Die Anhänger haben dort leichtes Spiel, ihre Ideen an den Mann zu bringen.

Gibt es den typischen Anhänger von Verschwörungstheorien?
Es gibt statistische Häufungen. Studien bestätigen, dass Männer grundsätzlich empfänglicher sind als Frauen. Außerdem sinkt mit höherem Bildungsgrad tendenziell die Neigung zu Verschwörungstheorien. Auch das Alter scheint einen gewissen Einfluss zu haben: Vor allem Verschwörungstheorien im Internet werden von älteren Menschen häufiger geglaubt als von jüngeren. Das sind aber natürlich nur Tendenzen. Es gibt genauso gut hochgebildete Frauen, die an solche Theorien glauben.

Weshalb fühlen sich so viele Menschen zu Verschwörungstheorien hingezogen?
Verschwörungstheorien bieten Erklärungen und machen die Welt verständlich. Alles ergibt auf einmal Sinn. Sie sind besonders attraktiv für Menschen, die sich machtlos fühlen und schlecht mit Unsicherheit umgehen können. Die Theorien schaffen auch Sündenböcke, was es ihren Anhängern erlaubt, mit dem Finger auf bestimmte Gruppen zu zeigen und Aggressionen gegen sie zu schüren. Es befriedigt sie, jemanden verantwortlich machen zu können.

Inwiefern sind Verschwörungstheorien auch in extremistischen Kreisen verbreitet?
Klar erwiesen ist, dass Verschwörungstheorien an den extremen Rändern der Gesellschaft, sowohl links als auch rechts, häufiger vorkommen, als bei gemäßigten politischen Positionen in der Mitte. Wir wissen auch, dass Verschwörungstheorien ein Motor der Radikalisierung sein können. Das haben wir etwa in Halle gesehen. Es ist allerdings ganz schwierig bis unmöglich, unter den vielen Anhängern von rassistischen oder antisemitischen Verschwörungstheorien vorab genau diejenigen herauszufiltern, die sich für ihre Überzeugung radikalisieren und gewalttätig werden.

Wann können Verschwörungstheorien zur Gefahr werden?
Es kommt immer darauf an: Wer glaubt was in welcher Situation, und wozu führt das dann? Antisemitische und rassistische Verschwörungstheorien sind potenziell gefährlich, sobald Anhänger zur Waffe greifen und Menschen töten. Medizinische Verschwörungstheorien können gefährlich werden, wenn sie dazu führen, dass man sich und andere nicht mehr entsprechend schützt. Weil ich zum Beispiel denke, das Aidsvirus existiere nicht oder Corona sei ungefährlich. Und schließlich können Verschwörungstheorien problematisch für unsere Demokratie werden, wenn die Anhänger unserer Politik misstrauen. Dann gehen diese Menschen entweder gar nicht mehr zur Wahl oder stimmen für die Populisten.

Welchen Einfluss können Verschwörungstheorien auf Jugendliche haben?
Jugendliche kommen natürlich im Internet sehr schnell mit Verschwörungstheorien in Berührung. Da kann es passieren, dass sie solche Überzeugungen einfach aus Protest verbreiten, weil sie wissen, sie können damit provozieren. Das heißt nicht immer unbedingt, dass sie verstanden haben, worum es dabei geht, oder selbst hundertprozentig davon überzeugt sind. Deshalb ist es sehr wichtig, frühzeitig über die Wirkweise von Verschwörungstheorien aufzuklären.

Wie könnte eine gelungene Prävention aussehen, mit dem Ziel, Menschen weniger anfällig für Verschwörungstheorien zu machen?
Eine große Rolle spielt das Vermitteln von Medienkompetenz. Junge Menschen müssen wissen, welchen Medien sie vertrauen können, und welchen nicht. Das allein reicht aber nicht. Sie brauchen außerdem Sozial- oder Gesellschaftskompetenz, um zu verstehen, warum Menschen manchmal so handeln, als hätten sie sich abgesprochen – obwohl das nicht der Fall ist. Im Gemeinschaftskunde- oder Geschichtsunterricht können sie lernen, warum die Annahmen von Verschwörungstheoretikern, dass alles über Jahrzehnte geplant ist, nicht widerspiegeln, wie Gesellschaften funktionieren. Sondern dass immer irgendetwas passieren kann, das niemand geplant oder vorhergesehen hat. Weil man im Unterricht sehr viele Jugendliche gleichzeitig erreichen kann, ist es sehr wichtig, bereits bei Schülerinnen und Schülern mit der Aufklärungsarbeit anzusetzen.

Verschwörungstheorien werden vermutlich trotzdem nie verschwinden. Wie soll unsere Gesellschaft mit ihnen umgehen?
Wichtig ist, nicht in Panik zu verfallen. Man darf nicht alle über einen Kamm scheren. Zwar können Verschwörungstheorien in manchen Fällen gefährlich sein, aber man darf nicht pauschalisieren. Der Begriff „Verschwörungstheoretiker“ wird in der Öffentlichkeit immer häufiger als Schimpfwort benutzt. Man sollte deshalb aufpassen, dass man immer entsprechend differenziert.