Foto: SVL

Ludwigsburg.| Dieser Herbsttag mit einem wolkenverhangenen Himmel und gelegentlichen Regenschauern passt ganz zu seiner Stimmung. Eigentlich wäre Fabian Knobelspies jetzt nämlich auf Hawaii. Eigentlich. Auf der Insel im Pazifik wäre es gnadenlos heiß. Die besten Triathleten der Welt würden sich vorbereiten auf ihren wichtigsten Wettkampf des Jahres jetzt am Wochenende. Der Ironman auf Hawaii ist seit Jahrzehnten das Saison-Highlight der weltweit besten Triathleten.

Der SVL-Triathlet Fabian Knobelspies hatte sich früh und mit einer Topzeit für Hawaii 2020 qualifiziert. Doch nun sitzt er an diesen Mittag Anfang Oktober unte r der Woche in einem Café in Ludwigsburg und erzählt. „Ich bin schon eine bisschen wehmütig“, sagt der 32-jährige Spitzensportler und lächelt etwas gequält.

Die Corona-Pandemie hat ihm – wie ungezählten anderen Sportlern auch – einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Andererseits, sagt Fabian, sei für ihn ganz persönlich die Absage „aus sportlicher Sicht gut“. Knobelspies hatte sich Anfang Januar bei einem Sturz vom Rad nämlich schwer verletzt. Die Diagnose nach dem Unfall auf dem Weg zu Arbeit war ernüchternd: Beckenbruch. Sein Training musste er lange unterbrechen. „Ich hätte in diesem Jahr auf Hawaii vermutlich solide gefinisht“, sagt er – mehr hätte er vermutlich aber nicht erreicht. Sein großes Ziel „top fünf in der Altersklasse“ sein nun halt auf Oktober 2021 verschoben.

Fabian Knobelspies ist ein Ludwigsburger durch und durch. Geboren in der Barockstadt. Abschluss an der Gottlieb-Daimler-Realschule. Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten bei der Stadt Ludwigsburg. Nach dem Studium in Kehl Rückkehr zur Stadt Ludwigsburg, wo er beim Bauamt in einem Digitalisierungsprojekt arbeitet.

Er sei in einer sportaffinen Familie aufgewachsen, habe vieles ausprobiert, erzählt Knobelspies. Fußball zum Beispiel und Tischtennis. Beim Basketball sei er etwas länger hängen geblieben. Mit dem Vater und den Geschwistern sei er viel gerannt.

Mit Anfang Zwanzig tritt er für die LG Neckar/Enz an, mag die längeren Laufstrecken. Seinen ersten Marathon indes setzt Knobelspies in den Sand. „Ich bin viel zu schnell angegangen und gar nicht ins Ziel gekommen.“ Dieser Misserfolg ist nicht vergessen, aber längst abgehakt. 2014 der erste Triathlon. Knobelspies startet nun für das Team Silla Hopp aus Murr.

Rennen kann der junge Mann gut, das weiß er ja. Rad fahren ist auch okay. Aber im Wasser tut sich der Sportler schwer. Das allerdings ändert sich bald. Der Fabian wird ein immer bessere Schwimmer. Fürs Schwimmen, sagt er heute und grinst, „scheine ich doch ein bisschen Talent zu haben“ – was stark untertrieben ist. Wer diesem Fabian Knobelspies mal beim Training im Freibad zugeschaut hat, der weiß: Er schwimmt wie ein Fisch.

Im Jahr 2016 – bei seinen ersten Langdistanz-Triathlon (3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren, 42 Kilometer rennen) – knackt Knobelspies auf Anhieb die magische Neun-Stunden-Grenze. Viele werden auf ihn aufmerksam. Mit der super Zeit verfehlt er seine erste Qualifikation für Hawaii nur um vier Sekunden. Sein Ehrgeiz ist endgültig geweckt. 2017 ist er topfit, beim Qualifikations-Rennen dann aber leider verletzt.

2018 schafft Knobelspies die Quali, wechselt zum SV Ludwigsburg, wird in Hawaii in seiner Altersklasse 31. Und er fragt sich danach: „Will ich weiter auf diesem Niveau trainieren?“ Ja klar, er will! Knobelspies sagt, er verbringe Woche für Woche sicherlich 15 bis 20 Stunden mit rennen, Rad fahren und schwimmen.

Eigentlich sollte 2019 das Übergangsjahr werden, doch nun wird auch 2020 zwangsläufig zu so einem Jahr des Übergangs – wegen des Sturzes vom Rad und wegen Corona. Als der Beckenbruch halbwegs auskuriert ist, steigt der SVL-Ironman wieder ins Training ein. Laufen und Radfahren ist kein Problem. Aber Schwimmen. Die Bäder sind wegen des Lockdowns geschlossen.

Notgedrungen ist Fabian Knobelspies viel früher im Jahr als sonst zum Schwimmtraining im Freiwasser, meistens daheim in Ludwigsburg im Neckar. Das Wasser ist noch arg kalt, aber es hilft ja nichts. In der kompletten Saison 2020 absolviert Knobelspies nur einen einzigen Wettkampf: einen Zehn-Kilometer-Lauf in Bietigheim. Den gewinnt er, in 35:36 Minuten. Also alle Wettkämpfe des Jahres als Bester beendet, „das ist doch eine gute Quote“, sagt Knobelspies an dem Tag im Café – und lächelt dabei ein bisschen gequält.

Heuer hat Fabian anders trainiert als sonst, „größere Umfänge, weniger Intensität“. Er habe auch „neue Sachen“ ausprobiert, ist zum Beispiel mal „einen 300er gefahren“, 300 Kilometer auf dem Rennrad rund um Stuttgart. Auch im Corona-Jahr steht tägliches Training auf dem Programm. Ab und zu schiebe sein Trainer einen „Entlastungstag“ ein, das heißt dann: ausnahmsweise mal nur eine Stunde schwimmen.

Zum SVL habe er in erster Linie wegen der ambitionierten Mannschaft und wegen der top Trainingsbedingungen gewechselt. Kein anderer Verein in der Region Stuttgart biete so tolle Möglichkeiten für Schwimmer. Im Campusbad könne er täglich trainieren, im Hohenecker Freibad schwimme er besonders gerne. Und zum Aufwärmen nach dem Training im Neckar gibt’s im SVL-Bootshaus warme Duschen. Was will man mehr? Vielleicht im Winter eine Traglufthalle über dem Sportbecken des Freibads, sagt Knobelspies und grinst wieder, diesmal ganz entspannt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Für das Ende dieses merkwürdigen Jahres mit der blöden Pandemie hat sich Fabian Knobelspies, ganz für sich allein, zwei kleinere Ziele gesetzt: Er will über zehn Kilometer und über die Halbmarathon-Distanz (21 Kilometer) persönliche Bestzeiten laufen. Ein Kampf also nur gegen den inneren Schweinehund und gegen die Uhr am Handgelenk. Das komplette Training in den nächsten zwölf Monate sei ausgerichtet auf den Ironman auf Hawaii am zweiten Oktoberwochenende 2021.

Knobelspies will auf dem Weg nach Hawaii im Frühsommer entweder bei der EM über die Mitteldistanz antreten oder beim Ironman in Hamburg. Er sei sich noch nicht ganz sicher, ob es besser ist auf der kürzeren Strecke zu testen oder ob er eine Langdistanz benötigt, um sich beim Start auf Hawaii richtig gut zu fühlen. Sollte er beim Ironman in Hamburg antreten, dann sei das Zwischenziel klar: der Sieg in der Altersklasse. Ferner würde er gerne mit der Mannschaft des SVL aus der Landesliga in die Zweite Bundesliga aufsteigen.

Fulltimejob bei der Stadt Ludwigsburg, dazu quasi nochmal ein Halbtagsjob als Triathlet. Bleibt noch Zeit? Nicht wirklich, sagt Knobelspies. Vielleicht, um ab und zu mal ein Buch zu lesen. Hat er darüber nachgedacht Profi-Triathlet zu werden? Der Gedanke sei sicherlich mal im Kopf gewesen, „aber das ist keine Option für mich“. Er wolle beruflich weiter kommen, sei womöglich dafür auch „zu konservativ“ – und bevorzuge es ohnehin als guter Amateur die Profis im Feld zu ärgern. „Das ist mir lieber als anders herum“ – wenn er als Profi also von Amateuren-Leistungssportlern gejagt und womöglich abgehängt würde.

Er denke ohnehin nur bis zum zweiten Oktober-Wochenende 2021, das er keinesfalls nochmal unter grauem Himmel in seiner Heimatstadt Ludwigsburg in einem Café am Rande es Rathaushofs verbringen will. Knobelspies will lieber 3,8 Kilometern weit im salzigen Wasser des Ozeans kraulen, 180 Kilometern mit Blick auf die Lavawüste Rad fahren und 42 Kilometern auf einem gnadenlos heißen Highway rennen.