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Stadt Stuttgart zeichnet erstmals besondere Zivilcourage aus

LokalesStuttgartStadt Stuttgart zeichnet erstmals besondere Zivilcourage aus

Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper hat am 30. September erstmals den Preis für Zivilcourage der Landeshauptstadt Stuttgart verliehen. Ausgezeichnet wurden Bürgerinnen und Bürger, die in schwierigen Situationen nicht weggesehen, sondern geholfen und Verantwortung übernommen haben.

Gewürdigt wurden drei Fälle besonderen zivilcouragierten Handelns: eine Zeugin, die bei einem schweren Angriff auf einen Jugendlichen eingriff, Ingo Bleicher, der einer Frau in einer akuten Notlage beistand, sowie die Jugendlichen Tim Baiter und Ole Herfert, die einem schwer verletzten Mann am Stuttgarter Hauptbahnhof Erste Hilfe leisteten. Einen Sonderpreis erhielt das Dillmann-Gymnasium für das Projekt „Rising Courage“. Musikalisch wurde die Verleihung durch die Polizeimusik Stuttgart begleitet.

In schweren Situationen nicht wegschauen

Bei der Preisverleihung im Großen Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses würdigte Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper Menschen, die in konkreten Situationen Verantwortung übernommen und anderen geholfen haben. „Wir brauchen Menschen mit Haltung. Menschen, die hinsehen und eingreifen, wenn andere verletzt oder gefährdet werden. Wir suchen keine Superhelden. Wir erwarten auch von niemandem, dass sie oder er Gewalttätern im Alleingang entgegentritt. Zivilcourage ist etwas anderes. Sie kann bedeuten, laut zu werden und den Notruf zu wählen, einen verzweifelten Menschen anzusprechen, zuzuhören oder einem Unfallopfer Erste Hilfe zu leisten“, so Nopper in seinem Grußwort.

Dr. Clemens Maier, Bürgermeister für Sicherheit, Ordnung und Sport, ergänzt: „Zivilcourage bedeutet, dass einzelne Menschen Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen, in der sie leben, für ihre Mitmenschen und ihren Nächsten. So leisten sie einen Beitrag für die Solidarität innerhalb unserer Gesellschaft und verstehen sich als Teil eines Ganzen.“

Eine Preisträgerin wurde ausgezeichnet, nachdem sie Zeugin eines schweren Angriffs auf einen 15-Jährigen geworden war. Der Jugendliche war auf der Straße Lange Morgen von hinten angegriffen, zu Boden gebracht und anschließend von acht bis zehn Jugendlichen getreten worden. Auch gegen seinen Kopf wurde getreten. Der Jugendliche erlitt unter anderem ein Schädel-Hirn-Trauma sowie weitere schwere Verletzungen, die als potenziell lebensgefährlich eingestuft wurden. Die Zeugin wurde auf die Situation aufmerksam, schrie die Angreifer an und setzte einen Notruf ab. Die Täter konnten anschließend durch das Haus des Jugendrechts Mitte ermittelt werden.

Ingo Bleicher bemerkte eine Schülerin auf einer Brücke an der Sommerrainstraße, die sich das Leben nehmen wollte. Der 50-jährige Projektleiter sprach sie an, verständigte die Polizei und blieb bei ihr, bis die Einsatzkräfte eintrafen. Durch ruhiges Zureden konnte er sie davon abhalten, zu springen, nachdem sie sich bereits beide Pulsadern aufgeschnitten hatte. Die Frau wurde anschließend in ärztliche Obhut gebracht. Für ihn bedeutet Mut, „dahin zu gucken, wo es vielleicht mal weh tut, und dort zu helfen, wo andere vielleicht nicht helfen wollen“.

Auch Tim Baiter (16 Jahre) und Ole Herfert (17 Jahre) bewiesen Zivilcourage. Nach dem Pokalsieg des VfB Stuttgart im Jahr 2025 sahen die beiden Jugendlichen am Hauptbahnhof am Treppenabgang zur S-Bahn einen schwer verletzten Mann, der stark blutete. Sie gingen ohne zu zögern zu ihm, prüften, ob er ansprechbar war, und wandten das frisch Gelernte aus dem Erst-Hilfe-Kurs an, den sie gerade eine Woche vorher für den Führerschein besucht hatten. Sie brachten den Verletzten in die stabile Seitenlage und setzten einen Notruf ab. Bis zum Eintreffen von Bundespolizei und Rettungsdienst blieben sie bei ihm. Nach Angaben der Bundespolizei hatte der Mann schwerste Kopfverletzungen erlitten und wurde ins künstliche Koma versetzt.

Den Sonderpreis für Zivilcourage erhielt das Dillmann-Gymnasium mit dem Projekt „Rising Courage“. Dabei werden Schülerinnen und Schüler zu Rising-Courage-Botschafterinnen und -Botschaftern ausgebildet. Sie lernen unter anderem, Konflikte zu klären, Gefahrensituationen richtig einzuschätzen, respektvoll zu kommunizieren und mit Gewalt- und Konfliktsituationen umzugehen. In Rollenspielen, Gruppenarbeiten und Aktionen entwickeln sie eigene Ideen für Engagement an ihrer Schule. Zum Abschluss erhalten die Jugendlichen den „Rising-Courage-Ausweis“ des Landes Baden-Württemberg.

Auszeichnung für Engagement aus der Bürgerschaft

Angeregt wurde der Preis von der Kommunalen Kriminalprävention der Landeshauptstadt Stuttgart und dem Polizeipräsidium Stuttgart. Die Auszeichnungen gehen auf Vorschläge aus der Stuttgarter Bürgerschaft zurück: Bürgerinnen und Bürger konnten Personen für den Preis vorschlagen. Die Mitarbeitenden der Kommunalen Kriminalprävention prüften die Vorschläge und legten sie anschließend einer sechsköpfigen Jury vor. Diese setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Blaulichtfraktionen (Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst, Technisches Hilfswerk), der Zivilgesellschaft und gemeinnütziger Organisationen zusammen. Bei der Vergabe wurden unter anderem öffentliche Sichtbarkeit, Mitmenschlichkeit, Achtsamkeit, Mut zum Widerstand und der Vorbildcharakter des Handelns berücksichtigt.

Eine Skulptur als Zeichen für Zivilcourage

Der Preis, den die Ausgezeichneten überreicht bekamen, wurde von der Stuttgarter Künstlerin Saskia Fischer gestaltet. Die rund 30 Zentimeter lange, schmale Glasskulptur kann sowohl stehend als auch liegend präsentiert werden. Jede Skulptur wird in einer eigenen Farbe gefertigt und ist damit ein Unikat. „Mir war bei der Gestaltung wichtig, dass die Formensprache sehr klar ist. So wie auch die Entscheidung zu handeln ganz klar ist“, sagt Fischer. Sie hofft, dass der Preis wie ein Staffelstab weitergegeben werde und dazu anrege, „im richtigen Moment ebenfalls zu handeln“.


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