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Stuttgarter Behörden holen Dutzende Riesenschlangen aus katastrophaler Haltung

LokalesStuttgartStuttgarter Behörden holen Dutzende Riesenschlangen aus katastrophaler Haltung

Münchner Auffangstation versorgt die Reptilien

Stuttgart.| Behörden der Stadt Stuttgart haben eine katastrophale Haltung von Riesenschlangen aufgelöst: 13 Tiere waren bereits tot, 34 weitere krank und ausgehungert. Die Überlebenden betreut die Reptilien-Auffangstation München. Jetzt folgen Ermittlungen wegen des Verdachts auf Straftaten gegen den Tier- und Artenschutz.

Eine miserable private Haltung von Riesenschlangen hat die Veterinärbehörde des Amts für öffentliche Ordnung gemeinsam mit der unteren Naturschutzbehörde des Amts für Umweltschutz der Stadt Stuttgart diese Woche aufgelöst. Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung waren die für den Tier- und Artenschutz zuständigen Stellen am Dienstag, 17. Februar 2026, zu einer unangekündigten Vor-Ort-Kontrolle ausgerückt. Schon vor dem Wohnhaus schlug dem Team Verwesungsgeruch entgegen. In dem Gebäude stieß es auf 47 Riesenschlangen, von denen 13 bereits verendet waren. Die größte der toten Schlangen hatte eine Länge von 1,60 Meter.

Weitere Tiere traf die Veterinärin abgemagert und lethargisch an. Da die Haltungsbedingungen inakzeptabel waren, ordnete sie die Fortnahme zum Schutz der Schlangen an. Wegen des Verdachts auf Straftaten gegen den Tier- und Artenschutz hat die Stadt die Polizei hinzugezogen und bringt den Fall zur Anzeige.

„Nach Zahl und Zustand der Tiere ist dies bei Reptilien der gröbste Verstoß seit Jahren“, sagt Dr. Jana Lohmann, Leiterin der Veterinärbehörde des Stuttgarter Ordnungsamtes. Die Veterinärbehörde muss – anders als bei Hunden und Katzen – Besitzern von Reptilien selten Tiere wegen schlechter Haltung fortnehmen. In den vergangenen drei Jahren gab es in Stuttgart nur einen Fall mit sechs Schlangen sowie elf Schildkröten.

Münchner Auffangstation übernimmt Versorgung

Klassische Tierheime verfügen oft nicht über ausreichend Terrarien und notwendige Technik, um die spezielle Unterbringung einer großen Anzahl von Schlangen zu ermöglichen. Bei einer so hohen Zahl von Tieren, wie in diesem Fall, gibt es wenige Einrichtungen, die über die erforderlichen Kapazitäten verfügen. Daher reisten hierfür eigens Experten der Auffangstation für Reptilien München e.V. an. Sie ist eine der größten Stationen ihrer Art in Europa und nimmt jedes Jahr mehrere tausend Tiere auf, die sie medizinisch versorgt und weitervermittelt. Die Münchner Auffangstation arbeitet seit Jahren eng mit Behörden in ganz Deutschland zusammen. Sie unterstützt bei Begutachtungen problematischer Tierhaltungen und übernimmt Tiere, wenn diese durch Veterinärämter oder die Naturschutzbehörden fortgenommen oder beschlagnahmt werden müssen, wie in diesem Fall. Die Spezialisten holten die überlebenden Riesenschlangen in Stuttgart ab, transportierten sie fachgerecht nach München und unterzogen sie dort einer Eingangsuntersuchung.

Den Tierärzten der Auffangstation, die Leid gewöhnt sind, bot sich ein außergewöhnliches Bild des Schreckens, berichtet der Leiter der Auffangstation, Dr. Markus Baur: „Wir bekommen hin und wieder ein Tier, das schlecht beieinander ist, aber dieser Bestand ist das Schlimmste, was wir seit Jahren gesehen haben“, so der Fachtierarzt für Reptilien. „Diese Haltung zu beenden, war ein Volltreffer für den Tierschutz – absolut angemessen, dass die Stuttgarter Behörden durchgegriffen haben. Das ist ein Lichtblick für die verbleibenden Tiere. Es ist aber noch nicht abzusehen, wie viele überhaupt überleben werden.“ Ein Tier musste bereits eingeschläfert werden, um es von seinem Leid zu erlösen.

Überlebenschancen noch ungewiss

Laut Zwischenbericht sind die übrigen Tiere in teilweise verheerendem Zustand, viele sind ausgemergelt. „Die Schlangen sind pergamentartig ausgetrocknet“, so Dr. Baur. „Sie haben sich auf die von uns bereitgestellten Wasserschalen regelrecht gestürzt und verlassen sie gar nicht mehr.“ Hinzu kommen teilweise Narben, Verletzungen oder Abszesse. Praktisch alle eingelieferten Patienten leiden unter hochgradigem Parasitenbefall, der offenbar schon so lange nicht behandelt worden war, dass die Mehrzahl dieser Schlangen an durch Milben verursachter Blutarmut leidet. Eine Laboruntersuchung muss nun zeigen, ob sich der Verdacht auf eine zusätzliche Viruserkrankung bestätigt. Dann schwinden die Überlebenschancen weiter.

„Zum Glück ist so etwas die absolute Ausnahme“, sagt Dr. Baur aus seiner langen Erfahrung. „Solange es nicht zum Animal Hoarding kommt, kümmern sich die Halter meist gewissenhaft um ihre exotischen Haustiere.“ Schätzungen zufolge werden in Deutschland mehr als eine Million Reptilien daheim gehalten. Riesenschlangen gehören unter Reptilienhaltern zu den beliebten Arten und kommen auch in Stuttgart nicht selten vor. Anders als für deren gewerbsmäßige Zucht benötigt man für die Haltung von Riesenschlangen keine tierschutzrechtliche Genehmigung. Dazu hebt Renate Kübler, Leiterin der unteren Naturschutzbehörde der Landeshauptstadt, hervor: „Die Haltung ist jedoch aufgrund des Washingtoner Artenschutzübereinkommens nur legal, wenn man einen ausreichenden Herkunftsnachweis für das jeweilige Tier besitzt und die Haltung beim Regierungspräsidium meldet.”

Appell an Reptilienhalter: Entscheidung für Reptilien gut abwägen

Das Halten von Reptilien erfordert einige Sachkunde. Die Amtstierärzte appellieren daher an alle Tierfreunde: Bevor sie sich ein Reptil anschaffen, sollten sie sich eingehend mit den besonderen Anforderungen befassen, wie die jeweilige Art tierschutzgerecht zu halten ist – und ob sie das dauerhaft leisten können.

Jung angeschaffte Reptilien können je nach Tierart erheblich an Größe zulegen. Daher kann im Laufe der Zeit ein größeres Terrarium oder Gehege notwendig werden als zu Beginn. Eine Riesenschlange, die als Jungtier nur etwa einen halben Meter misst, kann später eine Länge von bei Pythons zwei Metern, bei Boas auch zweieinhalb, manchmal drei Metern erreichen. „Hier ist zu bedenken, ob die eigene Wohnsituation den benötigten Platz auch in Zukunft dafür hergibt“, betont Dr. Lohmann.

Reptilien benötigen in der Regel außer einem passenden Terrarium technisches Zubehör, um das für die jeweilige Art erforderliche „Klima“ herzustellen und zu überwachen. Riesenschlangen benötigen zum Beispiel Sommer wie Winter tagsüber Temperaturen von 26 bis 32 Grad und nachts 20 bis 24 Grad sowie eine Luftfeuchtigkeit von 60 bis 80 Prozent. Die dafür anfallenden Stromkosten sind auf jeden Fall schon vor der Anschaffung mit zu bedenken.

Im Krankheitsfall brauchen auch Reptilien fachgerechte tierärztliche Versorgung. Hierdurch können erhebliche Zusatzkosten entstehen. Außerdem werden so manche Reptilienarten deutlich älter als Hunde und Katzen und wollen auch in 30 oder 40 Jahren noch gepflegt und versorgt werden.

Die Schutzbestimmungen und Meldevorschriften für die Haltung und den Handel von bedrohten Arten erläutert das Regierungspräsidium Stuttgart als höhere Naturschutzbehörde auf seiner Internetseite: https://rp.baden-wuerttemberg.de/themen/natur/artenschutz/internationaler-artenschutz/

Für solche Wirbeltiere gibt es eine Meldepflicht. Wer so ein Tier aufnimmt, muss es in Baden-Württemberg beim zuständigen Regierungspräsidium anmelden und die Nachweispapiere vorlegen. Wenn das Tier stirbt, wegläuft oder abgegeben wird, muss es wieder abgemeldet werden. Das An- und Abmelden ist seit Februar 2024 auch online möglich auf der Seite: https://melba-bw.de/.


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