Was hinter der Baustelle im Altstattquartier (Gerber II) steckt und warum Wärme künftig aus Abwasser kommt.
Winnenden.| Wer derzeit am Bauzaun im Altstadtquartier vorbeikommt, sieht vor allem eines: Bewegung. Erde wird ausgehoben, Fernwärme- und Trinkwasserrohre liegen bereit, schwere Maschinen prägen das Bild. Für viele wirkt es wie eine typische Erschließungsmaßnahme. Doch der erste Eindruck täuscht. Der sichtbare Teil der Baustelle erzählt nur die halbe Geschichte. Unter der Oberfläche entsteht eine Infrastruktur, die das Quartier künftig auf ungewöhnliche Weise mit Wärme versorgen soll. Im Zentrum steht ein Konzept, das auf eine bislang weinig beachtete Energiequelle setzt: Abwasser.
Eine Ressource, die jeden Tag durch die Stadt fließt
Kaum jemand denkt daran, dass mit jedem Liter Abwasser auch Wärme durch die Kanalisation fließt. Duschen, Waschmaschinen und Küchen sorgen dafür, dass täglich große Mengen Energie ungenutzt abgeleitet werden. Im Altstadtquartier wird diese Wärme erstmals gezielt zurückgewonnen.
Bereits im Zuge der Kanalsanierung installierten die Stadtwerke Winnenden vor einigen Jahren einen Abwasserwärmetauscher. Diese Technik entzieht dem vorbei strömenden Abwasser einen Teil seiner Energie und macht sie für die weitere Nutzung verfügbar. Über eine zentrale Wärmepumpe wird daraus eine nachhaltige Wärmequelle für das Quartier.
Warum ein Niedertemperaturnetz?
Das Altstadtquartier geht bewusst einen anderen Weg als klassische Fernwärmesysteme. Statt hohe Vorlauftemperaturen durch das gesamte Netz zu transportieren, setzten die Stadtwerke Winnenden auf ein Niedertemperaturnetz. Die Wärme wird effizient verteilt und erst im Gebäude auf das benötigte Niveau angehoben.
Dafür kommen sogenannte Boosterwärmepumpen zum Einsatz. Sie sorgen dafür, dass de Temperaturen genau dort erhöht wird, wo sie gebraucht wird, etwa für Warmwasser oder moderne Heizsysteme wie Fußbodenheizungen. Das Prinzip dahinter ist einfach: Energie gezielt einsetzen statt unnötig hoher Temperaturen durch das gesamte Netz zu schicken.
Infrastruktur statt Sichtbarkeit
Während Neubauten meist durch Architektur sichtbar werden, bleibt die technische Grundlage eines Quartiers oft verborgen. Im Altstadtquartier übernehmen die Stadtwerke eine zentrale Rolle. Sie planen die Energieinfrastruktur, koordinieren die Leitungsverlegung und verbinden Kanaltechnik, Wärmeerzeugung und Gebäudeversorgung zu einem integrierten System. Entscheidungen die heute getroffen werden bestimmen die Energieversorgung für die kommenden Jahrzehnte.
Mehr als neue Wohnungen
65 Wohneinheiten in mehreren Mehrfamilienhäusern will das Siedlungswerk im Altstadtquartier realisieren. Ergänzt wird das Projekt durch den Anschluss bestehender Gebäude im Gerberviertel. Das Quartier wird damit nicht nur erweitert, sondern zeigt auch den Wandel in der kommunalen Energieplanung: Statt einzelne Gebäude isoliert zu betrachten, wird das gesamte Quartier als energetisches System gedacht.
Parallel zur Wärmeinfrastruktur werden Wasserleitungen erneuert und Versorgungsanschlüsse vorbereitet. Für Anwohner bedeutet das zwar vorrübergehende Einschränkungen, für die langfristige Sicherung der Infrastruktur, ist es jedoch ein notwendiger Schritt, um mehrere Maßnahmen gleichzeitig umzusetzen.
Warum Abwasserwärme jetzt eine Rolle spielt
Die Suche nach nachhaltigen Wärmequellen verändert derzeit die Planung vieler Städte. Lokale Ressourcen rücken stärker in den Fokus. Abwasser bietet dabei einen besonderen Vorteil: Es steht kontinuierlich zur Verfügung und ist unabhängig von Wetter oder Tageszeit.
Projekte wie das Altstadtquartier zeigen, wie bestehende Infrastruktur übergreifend genutzt werden kann. Die Kanalisation wird nicht mehr nur als Entsorgungssystem betrachtet, sondern als Teil eines Energiekreislaufs.
Blick hinter die Kulissen
Die aktuelle Baustelle um das Gerberviertel macht sichtbar, wie viel Vorbereitung nötig ist, damit Wärme später selbstverständlich wirkt. Sie verändert auch den Blick auf das, was hier entsteht. Die Energiewende besteht nicht nur aus Windrädern und Solaranlagen. Oft beginnt sie leise, dort wo man sie kaum vermutet: unter dem Asphalt.