Neue Farbe für eine alte Schönheit

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Derzeit wird die historische Remsbrücke zwischen Schorndorf und Haubersbronn saniert

REMS-MURR-KREIS. 1908 war die Einweihung der Wieslauftalbahn und der Beginn einer Erfolgsgeschichte Seit 26. Juli laufen die Instandsetzungsarbeiten der alten Remsbrücke zwischen Schorndorf und Haubersbronn. Nachdem ein Ingenieurbüro zunächst empfohlen hatte, die Brücke abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen, kam ein zweiter Gutachter zu der Auffassung, dass es bei dem eingeschränkten Verkehr, der auf der Strecke herrscht, ausreicht, die Widerlager zu sanieren und dem ansonsten noch völlig intakten Stahlgerüst einen neuen Anstrich zu geben. Abgesehen davon, dass sich bei dieser Lösung die Kosten um rund eine halbe Million auf etwa 330.000 Euro reduzieren, wäre der Abriss dieses Musterbilds der Brückenbaukunst ein bedauerlicher Verlust gewesen.

Für die Sanierung wird der gesamte Brückenüberbau „eingehaust“, das heißt mit einem Foliengerüst umgeben, und wird dann sandgestrahlt, um ihn komplett vom alten Farbanstrich und von Rostablagerungen zu befreien. Danach wird der Anstrich in mehreren Lagen neu aufgetragen. Im Bereich der Widerlager erfolgt eine Betonsanierung. Das Einhausen der Brücke dient dem Zweck, Verunreinigungen und Beeinträchtigungen der Umwelt zu vermeiden. Während der Sanierungsarbeiten, die voraussichtlich bis zum 2. September andauern, ist der Zugbetrieb zwischen Schorndorf und Haubersbronn unterbrochen. Dadurch kommt es zu umfangreichen Fahrplanänderungen im Wieslauftal, die durch einen Schienenersatzverkehr zwischen Haubersbronn und Schorndorf aufgefangen werden. Informationen und die gültigen Ersatzfahrpläne sind unter www.weg-bahn.de und www.vvs.de abrufbar.

Der Zweckverband Verkehrsverband Wieslauftalbahn (ZVVW) lässt sich den Betrieb der Strecke etwas kosten: Seit seiner Gründung 1992 bis 2011 wurden insgesamt 5,5 Millionen Euro in die Streckensicherheit, den Zugbahnfunk und die Induktive Zugsicherung an den 13 Bahnübergängen der Wieslauftalbahn investiert. Außerdem wurden stetig die Gleise saniert. Auch die in die Jahre gekommenen Fahrscheinautomaten wurden erneuert und fahren jetzt als mobile Fahrscheinautomaten in den Fahrzeugen der Wieslauftalbahn mit. Für das Jahr 2012 erhält der ZVVW einen Zuschuss für die Streckensanierung der Wieslauftalbahn in Höhe von 316.000 Euro vom Ministerium für Verkehr und Infrastruktur Baden-Württemberg. Hierbei handelt es sich um eine Zuwendung unter anderem zur Erneuerung und Instandhaltung des Oberbaus und der Leit- und Sicherungstechnik nach dem Landeseisenbahnfinanzierungsgesetz (LEFG). Die derzeitige Sanierung der alten Remsbrücke bei Schorndorf wird mit Zuschüssen in Höhe von 75 % der geplanten Gesamtkosten vom Ministerium für Verkehr und Infrastruktur Baden-Württemberg gefördert.

Seit dem 27. November 1908 fahren Züge auf der Strecke zwischen Schorndorf und Rudersberg – auf der sich anschließenden Steilstrecke in den Schwäbischen Wald bis Welzheim drei Jahre später seit dem Jahr 1911. „…mit Sehnsucht erwartet, mit Jubel begrüßt…“, berichtete damals der Bote vom Welzheimer Wald zur feierlichen Eröffnung der Bahnverbindung, die von wesentlicher Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung der Region war. Im Mai 1896 wagte die damalige Oberamtsstadt Welzheim einen Vorstoß bei der Königlichen Staatsregierung und bat um „baldige Herstellung einer Eisenbahn Welzheim – Remsthal“, damit die bitter arme „landbautreibende Bevölkerung ihre vielen landwirtschaftlichen Produkte dem Consumgebiet der Hauptstadt zuführen kann“. Der Fremdenverkehr spielte damals ebenfalls schon eine Rolle, und man erhoffte sich von der neuen Verkehrsverbindung, das „Luftkurwesen zur Blüte zu bringen“. Der Welzheimer Wald und der Ebnisee waren schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine vielbesuchte touristische Attraktion.

Der Bahnverkehr erfreute sich zunächst eines regen Zuspruchs von Reisenden und Gütern. Ab den 50er Jahren verlagerte sich die Mobilität jedoch immer mehr auf die Straßen, und der Güter- und Reiseverkehr auf der Schiene ging zurück. Über die Jahre hinweg dünnte die Deutsche Bahn den Fahrplan immer mehr aus. Mitte der 80er Jahre wollte die damalige Bundesbahn wegen geringer Nachfrage ihren Betrieb auf „einer der interessantesten und schönsten Bahnen des Schwabenlandes“, so die Festschrift zur Streckeneröffnung 1911, ganz einstellen. Ende der achtziger Jahre wurde der Zugverkehr auf der immer weniger genutzten Strecke zwischen Rudersberg und Welzheim dann wegen mangelnder Rentabilität und nach einem Erdrutsch dann ganz eingestellt – die Gleise blieben aber glücklicherweise liegen. Denn ab Mitte der 90er Jahre haben sich viele bahnbegeisterte Denker und Aktionisten, mittlerweile auch die Städte und Gemeinden, für die Reaktivierung dieses Streckenabschnitts und den Aufbau einer Museumsbahn eingesetzt.

Mit Erfolg: Um die Bahnstrecke zwischen Schorndorf und Rudersberg wiederzubeleben, gründeten der Landkreis und die Kommunen Ruderberg und Schorndorf im Jahr 1992 den Zweckverband Verkehrsverband Wieslauftalbahn (ZVVW). Der ZVVW ergriff die Chance und erwarb die gesamte 22,83 km lange Bahnstrecke zum symbolischen Preis von 1 DM von der Deutschen Bahn. Am 1. Januar 1995 nahm die Wieslauftalbahn ihren Betrieb auf. Die WEG, die Württembergische Eisenbahngesellschaft, betreibt den erfolgreichen Zugverkehr für den Zweckverband. Die Fahrgastzahlen waren von Anfang an hervorragend und sind seither stetig angestiegen, von 847.000 im Jahr 1995 auf mittlerweile 1,1 Millionen Wieselfahrer pro Jahr. Die Inbetriebnahme der Streckenverlängerung nach Rudersberg-Oberndorf im Juni 2008 und die Ausweitung des Leistungsangebots Mitte 2009 um ein zusätzliches Fahrtenpaar am Nachmittag brachte weitere Fahrgäste. Die Zahlen zeigen, dass das “Wiesel”, wie der Triebwagen liebevoll genannt wird, sehr gut angenommen wird und für Bewohner und Besucher des Wieslauftals gleichermaßen ein wichtiges Verkehrsmittel darstellt. Mitte der neunziger Jahre entstand auch die Idee, den oberen Bereich der Strecke von Rudersberg bis nach Welzheim zu reaktivieren – und zwar als Museumsbahn. Längst hat der altertümliche Charme des Dampfzugs alle Kritiker überzeugt und dem Tourismus im Welzheimer Wald während der Saison von Ostern bis Dezember einen zusätzlichen Besucherschub beschert.