„Die Demokratie ist das größte Geschenk“

Der alte und neue Amtsinhaber blickt auf die kommenden acht Jahre in Ostfildern voraus, in denen „gewaltige Herausforderungen“ anstehen.

Ostfildern.| Exakt drei Monate nach der Wahl hat Stadträtin Petra Hönschel-Gehrung am vergangenen Freitag Christof Bolay für dessen dritte Amtszeit als Oberbürgermeister der Stadt Ostfildern wiederverpflichtet. „Diesen Abend habe ich mir vor ein paar Monaten ehrlich gesagt etwas anders vorgestellt. Aber die Einschränkungen gelten nun mal für alle“, sagte Christof Bolay. Aufgrund der Corona-Pandemie waren bei der Sondersitzung des Gemeinderats im Theatersaal An der Halle nur wenige Gäste zugelassen. Ein Aspekt, der sich auch schon auf die Wahlveranstaltungen ausgewirkt hatte. „Insofern wird diese OB-Wahl sicher einen besonderen Niederschlag in der noch jungen Stadtgeschichte finden“, sagte Erster Bürgermeister Rainer Lechner in seiner Begrüßung. Mit 68,56 Prozent der Stimmen hatte sich Christof Bolay Anfang Februar gegen Robert Langer behauptet, was aus Sicht von Rainer Lechner als große Bestätigung der bisherigen guten Arbeit gewertet werden könne. „Sie sind bereits 20 Tage in Vorleistung getreten und haben in bewährter Art und Weise die Amtsgeschäfte weitergeführt“, sagte er an Christof Bolay gerichtet, dessen zweite Amtszeit Mitte April ausgelaufen war.

Ebenso wie Rainer Lechner ging anschließend auch Petra Hönschel-Gehrung, die Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, auf einige der in den kommenden Jahren anstehenden Projekte und die finanzielle Situation ein: das Gewerbegebiet Scharnhausen West, weitere Angebote im Bereich Bildung und Betreuung, ein umweltschonenderes Energieversorgungssystem, ein neuer Flächennutzungsplan und die neue Sporthalle 1. „Es wird nicht einfacher werden. Weder für Sie, Herr Oberbürgermeister Bolay, noch für uns als Gemeinderat und es heißt, Prioritäten zu setzen. Das ist immer leichter gesagt als getan“, sagte die erste ehrenamtliche Stellvertreterin des Oberbürgermeisters. Im Namen des Gemeinderats bot sie „auch in den kommenden acht Jahren wieder eine faire und vertrauensvolle Zusammenarbeit“ an.

Mit lobenden Worten wandte sich auch der Stuttgarter Regierungspräsident Wolfgang Reimer an den alten und neuen Amtsinhaber. „Die Zusammenarbeit zwischen uns war in den ersten beiden Amtsperioden sehr gut.“ Neben den Auswirkungen der Pandemie hob er die Bedeutung der Städtebauförderung und der Bildung hervor. „Sie kümmern sich besonders gut um Pflichtaufgaben im Bereich der Schulen und können jungen Menschen einen guten Start in die Zukunft bieten“, sagte Wolfgang Reimer mit Bezug auf die Sanierungs- und Baumaßnahmen der vergangenen Jahre.

Im Anschluss an den musikalischen Auftakt – von der Musikschule Ostfildern spielte das Ensemble „Die rosarote Brille“ mit Nathan Heist am Flügel sowie Emil Schläger am Schlagzeug – und die drei Redner vor ihm blickte Christof Bolay auf seine dritte Amtsperiode voraus. Dabei kam er immer wieder auf die Zahl Drei zu sprechen. Mit den drei Schlagworten des Slogans „Gemeinsam. Gesellschaft. Gestalten“ habe er bereits vor der Wahl vieles zusammengefasst, was ihm wichtig sei. Viele der anstehenden Themen seien bekannt und spiegelten die Megatrends in der Gesellschaft. „Die vor uns liegenden Veränderungen werden gewaltig sein. Dabei geht es nicht mehr um die Frage, ob es dazu kommt. Sondern es geht um die Frage, wie wir sie gestalten.“ Dazu zähle die Digitalisierung, wodurch sich die Verwaltung in den nächsten acht Jahren deutlich verändern werde. „Die Bürgerschaft erwartet zu Recht, dass wir auch im Service vieles digital anbieten.“ Ein virtueller Wahlkampf wie in der Corona-Pandemie habe derweil auch Schattenseiten, da es unter anderem sehr viel einfacher sei, Verschwörungstheorien zu behaupten, als sich direkt mit Kandidaten auseinanderzusetzen. „Ich habe die ernsthafte Sorge, dass wir Teile der Menschen nicht mehr mit Fakten und der politischen Realität erreichen.“ Neben der Digitalisierung mache auch die Globalisierung vor Ostfildern nicht Halt. „Wir sind eine internationale Stadt. Das ist sehr schön, aber auch eine Herausforderung. Denn all diese Menschen müssen und wollen wir in unsere Stadt integrieren“, sagte Bolay. Das könne nur gelingen, wenn Ostfildern ihnen eine neue, echte Heimat biete. „Unsere Gesellschaft ist stark genug, das zu schaffen. Aber es bedeutet einen immer wiederkehrenden Kraftakt.“

Mit der Digitalisierung, der Globalisierung und Integration, dem gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie dem demografischen Wandel erlebe die Demokratie große Herausforderungen. „Sie wird von zu vielen zu selbstverständlich genommen. Und von manchen sogar aufs Messer bekämpft. Dabei ist sie das größte Geschenk an unsere Generation. Und an unsere Nachkommen.“ Deshalb werde eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre auch sein, das politische Mitwirken aller Generationen zu sichern.

Einen weiteren Schwerpunkt legte Christof Bolay auf das Thema Klimaschutz. „Wir werden Wohlstand und soziale Gerechtigkeit nur erhalten, wenn wir uns diesem Umweltthema deutlich stärker als bislang zuwenden.“ Die Leipzig-Charta zeige dabei zentrale Thesen der Stadtentwicklung auf. Auch dabei gebe es einen Dreiklang: den einer gerechten, produktiven und grünen Stadt. Der Zugang zu Wissen, Bildung und Kultur solle für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen möglich, Wohnangebote für verschiedene Gehaltsstrukturen vorhanden sein. Produktiv bedeute neben wirtschaftlichen Strukturen auch solide Finanzen und CO2-arm. Die grüne Stadt sei ein Thema, das sicher noch deutlich mehr bearbeitet werden müsse. Etwa mit Grünzonen, dem Element Wasser oder Fragen der Mobilität.

„All das sind gewaltige Herausforderungen. Wir können nicht alle auf einen Schlag angehen. Aber wir brauchen sie als Leitlinien unserer Stadtentwicklung“, sagte Christof Bolay.

Warum ein Oberbürgermeister drei Amtszeiten anstreben sollte, habe ihm einmal ein Kollege erzählt. Die erste zum Lernen. Die zweite zum Regieren. Und die dritte, weil es einfach Spaß mache. „Ich freue mich auf die nächsten Jahre.“