Totholz im Wald hilft nicht nur den Pilzen

Stuttgart.| Wer nach einigen Regentagen durch den bunten Herbstwald spaziert, kann sie förmlich riechen: Unter Laub und Nadeln schieben Pilze ihre Hüte empor. Die stummen Männlein im Walde gehören untrennbar zur herbstlichen Jahreszeit. In Baden-Württemberg sind etwa 4.000 Großpilze gelistet. Sie spielen eine unverzichtbare Rolle für das Ökosystem Wald, denn sie leisten eine Vielzahl an wichtigen Aufgaben – sowohl die schmackhaften Speisepilze, wie Steinpilze, Pfifferlinge oder Maronen, als auch giftige oder ungenießbare Arten.

„Was wir im Wald als Speisepilze sammeln, sind nur die sichtbaren Fruchtkörper der Pilze. Der eigentliche Pilz lebt im Verborgenen. Zur Nährstoff- und Wasseraufnahme durchdringt er mit mikroskopisch kleinen, fadenförmigen Zellen das umliegende Substrat. Das feine Pilzgeflecht ist im Boden, in Holz oder Laub zu finden. Mykorrhiza-Pilze tauschen über Baumwurzeln verschiedene Nähr-, Wuchs- und Wirkstoffe mit ihren Baumpartnern aus. Weil Pilze kein Blattgrün haben und keine Photosynthese betreiben, können sie im Austausch von den Bäumen hergestellten löslichen Zucker nutzen. Also eine echte Win-Win-Situation“, erklärt NABU-Pilzexperte Karl-Heinz Johe.

Pilze: Wichtige Helfer für den Wald
Der Klimawandel beeinflusst das Ökosystem Wald und verändert es. Steigende Temperaturen, zunehmende Trockenheit und Stürme setzen manchen Bäumen stark zu. In vielen Wäldern sterben die Fichten, weil ihre Wurzeln nicht so tief reichen und sie daher schlechter mit Wasser versorgt sind, als etwa die Tannen. Bodenorganismen, zu denen auch Pilze gehören, können totes Material wie Wurzeln, Blätter, Nadeln, Äste und tote Tiere schrittweise zu Humus umwandeln. Pilze zersetzen umgestürzte Bäume, erschließen die darin gespeicherten Nährstoffe und führen sie dem Kreislauf des Waldes zu. Bleiben absterbende Bäume im Wald, können sie bestimmten Pilzen, den Saprobionten, als Nahrung dienen. In niederschlagsreichen Zeiten speichert Totholz Feuchtigkeit. Pilze machen das darin gespeicherte Wasser später wieder für die Bäume nutzbar. „Ein humusreicher, lockerer Boden bietet nicht nur den Pilzen, Kleintieren und Pflanzen ideale Lebensbedingungen durch eine bessere Durchlüftung, sondern hält den Boden länger feucht und entschärft somit auch Starkregenereignisse“, erklärt Johe.

Waldschutz im Klimawandel
Ist der Boden jedoch zum Beispiel durch schwere Forstmaschinen stark verdichtet, ist sämtliches Totholz ausgeräumt und das Kronendach lückig, beschleunigt sich die Austrocknung der Wälder und sie sind als funktionierendes Ökosystem bedroht. „Ein gesunder Wald hat ein dichtes Kronendach und speichert in Humus und Totholz Feuchtigkeit für seine Bewohner. Eine naturverträgliche Waldbewirtschaftung und die Ausweisung von forstlich nicht genutzten Naturwäldern kann dabei helfen, den Wald besser durch den Klimawandel zu bringen“, sagt Johannes Enssle, Landesvorsitzender des NABU Baden-Württemberg und Waldexperte. „Wir müssen die Funktionsfähigkeit unserer Wälder dringend erhalten, damit sie auch in Zukunft ihre wichtige Rolle für Mensch, Natur und Klima erfüllen können.“

Pilze in Baden-Württemberg
Es sind rund 8.000 Großpilze in Europa bekannt, 4.000 davon sind auch in Baden-Württemberg vertreten, darunter:

  • Essbare Pilze: knapp 200 Arten
  • Giftige Pilze: 150 Arten
  • Tödliche Pilze: 10 Arten

Alle übrigen Pilze sind zu bitter, zu scharf, zu hart oder zu klein für den Verzehr und werden deshalb als ungenießbar bezeichnet.

Übrigens: Pilze lassen sich in Baden-Württemberg das ganze Jahr über sammeln, nicht nur im Herbst.