Bild: Friederike Gauseweg (links) und Daniela Schulreich | Foto: privat
Der kleine grüne Kaktus gegen die Einsamkeit

Böblingen.| Unter strahlend blauem Himmel startete die städtische Musik- und Kunstschule am vergangenen Freitag ihre Reihe „Kulturfenster“. Vier Lehrerinnen fanden sich im vorgeschriebenen Abstand einmal im Rosengarten und dann ein zweites Mal auf dem Parkplatz beim Pflegezentrum Haus am Maienplatz ein, um den dort lebenden Senioren/-innen Zugang zu Kultur und Unterhaltung zu ermöglichen.

Die Idee? Bei genügend Abstand und unter freiem Himmel mit Musik und Theater für die Senioren/-innen aufzutreten, die bequem von ihren Balkonen zusehen können.

Schon wenige Sekunden, nachdem Daniela Schulreich, Leiterin des Fachbereichs Art an der DAT-Kunstschule – DAT steht für Dance, Art und Theater – und Kooperationspartnerin des Hauses am Maienplatz, mit der Begrüßung begann, wuselte die putzwütige Reinigungskraft Anna (Prisca Maier-Nieden, Leiterin der DAT-Kunstschule) über den Platz und „störte“ das Geschehen. Als sie versuchte, das mitgebrachte Kulturfenster zu putzen – symbolisch auf einer Staffelei aufgestellt –, schritt Daniela Schulreich eilig ein.

Wie sich nach einer kleinen Belehrung durch Anna über die Hygiene herausstellte, hatte sie ein Problem. Ihr Nachbar Herr Krause bekam ihren Kaktus auf die Nase, welcher nun leider nicht mehr auf dem Balkon stehen darf. Versöhnlich montierte Daniela Schulreich einen kleinen Balkon neben dem Kulturfenster und leitete so gelungen zum ersten Lied der Gruppe über.

Friederike Gauseweg, Fachbereichsleiterin für Elementarerziehung an der Musikschule, stimmte in Begleitung von Judith Goldbach am Kontrabass – ebenfalls Lehrerin an der Musikschule – „Mein kleiner grüner Kaktus“ von den Comedian Harmonists an. Ihre Stimme begeisterte sowohl die Bewohner/-innen als auch das Personal. „Es hat mir sehr, sehr gut gefallen“, zeigte sich eine der Bewohnerinnen vom Balkon aus erfreut. Vor allem dieses Lied fand Anklang, aber auch alle weiteren bereiteten viel Freude und erinnerten die Bewohner/-innen im Alter zwischen 50 und 106 Jahren an vergangene Zeiten.

„Wir wollten zwei Bedürfnisse zusammenbringen“, so Prisca Maier-Nieden: „Wir wissen, dass die Senioren gerade besonders betroffen sind. Zudem sind wir von der Kunstschule auch mit unserem Veranstaltungsort, dem Städtischen Feierraum, in den virtuellen Raum „umgezogen“ und dürfen nach wie vor keine Aufführungen veranstalten. Mit dem Kulturfenster bringen wir für die Bewohner/-innen etwas Abwechslung in ihren Alltag und können zugleich unsere künstlerische Arbeit auch jenseits virtueller Räume teilen. Natürlich halten wir uns genau an Abstandsregelungen und Hygienevorschriften.“ Daniela Schulreich ergänzt: „Ich denke, dass wir damit sehr erfolgreich etwas Freude schenken konnten.“

Das Kulturfenster soll auch an den kommenden Freitagen beim Haus am Maienplatz, einer Einrichtung der Evangelischen Heimstiftung, stattfinden – mit kulturellen Beiträgen von Lesung und Konzert bis zu Choreografie und kleinen Szenen. Geplant ist auch, dass unterschiedliche Künste fächerübergreifend zusammenwirken. „Wenn es gut angenommen wird, kann das an anderen Orten in Böblingen ebenfalls stattfinden“, sagt Prisca Maier-Nieden, die das Programm organisiert. Denn, so Rainer Kropf, Leiter der Musik- und Kunstschule: „Mit diesem Angebot wollen wir den Alltag der Seniorinnen und Senioren auflockern und ihnen kulturelle Teilhabe ermöglichen.

Für das nächste Mal hat Tobias Ballnus (Theaterpädagoge an der Kunstschule) eine Lesung norddeutscher Balladen geplant. Aber auch andere Klassiker wie „Die Füße im Feuer“ von Conrad Ferdinand Meyer haben ihren Weg ins Programm gefunden.