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StartLebenGesundheitOrganspendezahlen entwickeln sich nicht wie erhofft

Organspendezahlen entwickeln sich nicht wie erhofft

LebenGesundheitOrganspendezahlen entwickeln sich nicht wie erhofft

Reformen zeigen kaum Effekte

Zum Auftakt ihres Kongresses am 3. November bilanzierte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) die aktuellen Organspendezahlen und deren Entwicklung im laufenden Jahr. Derzeit zeichnet sich ein Rückgang bei den Organspenden ab, gegenwärtig liegt die Zahl der Organspender um 8,4 Prozent niedriger gegenüber dem vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres.

Die DSO blickt mit großer Sorge auf die momentane Situation: Bis Ende Oktober gab es bundesweit 710 Organspender in den rund 1.200 Entnahmekrankenhäusern. Dies sind 65 weniger als im Vorjahreszeitraum. Auch die Summe der entnommenen Organe, die für eine Transplantation an die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant gemeldet werden konnten, sank auf 2.178 (Vorjahreszeitraum 2.420). Der Organmangel hat sich im Vergleich zum Vorjahr noch einmal weiter verschärft. Insgesamt konnten bisher 2.293 Organe aus dem Eurotransplant-Verbund in Deutschland transplantiert werden, im Vergleichszeitraum 2021 waren es 2.492.

„Nach einem unerwarteten Einbruch der Organspendezahlen um beinahe 30 Prozent im ersten Quartal 2022 haben wir in den letzten Monaten zwar eine gewisse Erholung und Stabilisierung der Organspende erreicht, insgesamt bleibt die Situation allerdings insbesondere für die Patientinnen und Patienten auf den Wartelisten und ihre Angehörigen im höchsten Maße bedrückend“, kommentiert Dr. med. Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO, die Statistiken der letzten 10 Monate.

Die anhaltendende Coronavirus-Pandemie und besonders hohe Inzidenzen hatten zu Jahresbeginn zu einem deutlichen Rückgang der Organspenden geführt. Zum einen wurden SARS-CoV-2 positive Spender bis Ende Februar dieses Jahres von einer möglichen Spende ausgeschlossen. Im Zuge internationaler Erfahrungen und des im Mai veröffentlichten Positionspapiers der Bundesärztekammer zum Umgang mit
SARS-CoV-2 positiven Spendern konnten nach sorgfältiger Abwägung der Risiken und Chancen auch Organe von diesen Verstorbenen vermittelt werden. Zum anderen gab es gerade während der Omikronwelle hohe Personalausfälle in den Kliniken. Nachdem die Organspenden in den Sommermonaten leicht gestiegen sind, verzeichnete die Koordinierungsstelle in den vergangenen Wochen eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau. Die Kontaktaufnahmen der Kliniken zur DSO haben sich im Vergleich zum Vorjahr zwar erhöht, aber nicht zu mehr Spenden geführt.

Multiple Gründe bremsen Entwicklung der Organspende

Aus Sicht der DSO wird die Realisierung möglicher Organspenden an verschiedenen Stellen ausgebremst. Die Pandemie belastet noch immer das gesamte Gesundheitssystem. Auch die gesetzlichen Initiativen zur Förderung der Organspende konnten dadurch nicht in dem Maße umgesetzt werden wie geplant. Hinzu kommt der eklatante Personalmangel in vielen Kliniken. „Die Organspende ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die nicht nur intensivmedizinische Expertise, sondern auch Zeit und Ressourcen braucht“, betont Rahmel. Gerade für kleinere Häuser sei sie ein eher seltenes Ereignis und damit eine zusätzliche Herausforderung.

Entsprechende Hinweise zu den rückläufigen Organspenden liefert auch eine aktuelle Online-Umfrage* unter Transplantationsbeauftragten. Ihrer Einschätzung nach sind es vor allem der pflegerische und der ärztliche Personalmangel sowie die fehlende Kapazität an Intensivbetten, die im ersten Quartal 2022 zum Rückgang der Organspenden geführt haben. Auch frühzeitige Therapielimitierungen und Ablehnungen durch Angehörige werden als weitere Faktoren genannt. Infektionen potenzieller Organspenderinnen und Organspender mit SARS-CoV-2 haben laut Umfrage hingegen eine viel geringere Relevanz.

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) bewertet die personellen Engpässe innerhalb der Kliniken als problematisch. „Durch die anhaltenden Belastungen der Coronavirus-Pandemie kommen die bereits vorhandenen Herausforderungen durch den Fachkräftemangel im Gesundheitssystem nun noch stärker zum Tragen und erschweren so wichtige Aufgaben wie die Förderung der Organspende in den Kliniken“, erklärt DKG-Vorstandsvorsitzender Dr. Gerald Gaß. „Um der derzeitigen Personalknappheit in den Kliniken entgegenwirken zu können, brauchen wir mehr nachhaltige Verbesserungen im Finanzierungssystem und einen Bürokratieabbau“, so Gaß.

DSO steht für Sicherheit im Organspendeprozess 

Im Rahmen des Organspendeprozesses setzt sich die DSO dafür ein, dass die Organe in bestmöglichem Zustand an die Empfänger weitergegeben werden. Gerade in Zeiten eines eklatanten Organmangels zählt nicht nur jede Spende, sondern jedes einzelne Organ. Die Koordinatorinnen und Koordinatoren der DSO unterstützen die etwa 1.200 Entnahmekrankenhäuser über den gesamten Organspendeprozess und stehen rund um die Uhr beratend zur Seite. Dazu zählt auch die Entwicklung umfangreicher digitaler Unterstützungsprogramme für die Aufgaben der Transplantationsbeauftragten und die Unterstützung neuer Verfahren im Organspendeprozess. Für das nächste Jahr ist die Einführung der Maschinenperfusion für den Transport von Nieren vorgesehen. Die Methode mindert Ischämieschäden und erhöht die Funktionalität der Organe. Die DSO sieht in diesem Verfahren erhebliche Potenziale zur Verbesserung der Organqualität.

Ein vielversprechendes Tool für die frühzeitige Spendererkennung ist das DETECT-Programm. Es wurde von der Hochschulmedizin Dresden in Kooperation mit der DSO entwickelt und steht allen Kliniken kostenlos zur Verfügung. Retrospektive Todesfallanalysen in Entnahmekrankenhäusern mit DSO-TransplantCheck haben gezeigt, dass durch rechtzeitiges Erkennen mehr Spenden realisiert werden könnten. Hier leistet das automatisierte elektronische Screeningtool DETECT auf den Intensivstationen einen wertvollen Beitrag und unterstützt die Arbeit der Transplantationsbeauftragten.

Widerspruchsregelung fördert Kulturwandel

Nicht nur innerhalb der Fachgesellschaften, auch in der Politik sorgt die immer noch dramatische Situation für Diskussionen über mögliche weitere Maßnahmen. Sabine Dittmar MdB, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit, erklärte im Vorfeld des Kongresses: „Ich bin fest davon überzeugt, dass wir einen echten Paradigmenwechsel benötigen. Die Auseinandersetzung mit der Organspende muss in unserer Gesellschaft und in unseren Krankenhäusern zu einer Selbstverständlichkeit werden.“

Mit Blick auf die rund 8.500 schwer kranken Patientinnen und Patienten auf den Wartelisten bekräftigt Rahmel, es sei an der Zeit, über weitere Maßnahmen nachzudenken. „Andere Länder machen es uns vor. Alle dem Eurotransplant-Verbund angeschlossenen Mitgliedsstaaten haben inzwischen die Widerspruchsregelung eingeführt. Umfragen in der Bevölkerung bestätigen immer wieder eine hohe Bereitschaft zur Organspende. Eine Widerspruchsregelung würde den Gedanken an die Organspende innerhalb der Gesellschaft und in den Kliniken weiter fördern und selbstverständlich machen und so die Voraussetzungen für einen Kulturwandel bei der Organspende schaffen“, betont der Medizinische DSO-Vorstand.

Stefan Mroncz, stellvertretender Vorsitzender im Bundesverband Niere e.V., lebt seit 19 Jahren mit einer Spenderniere. Im Alter von 15 Jahren musste er an die Dialyse und wurde vier Jahre später transplantiert. Er weiß, was es bedeutet, als Patient auf der Warteliste zu stehen und er durfte auch erfahren, wie sich das Leben nach einer Transplantation grundlegend verändert. Dafür ist er seinem Spender oder seiner Spenderin zutiefst dankbar. Vor dem Hintergrund des anhaltenden Organmangels und der immer längeren Wartezeit auf ein Spenderorgan fordert er, dass die bestehenden Gesetzesänderungen endlich konsequent umgesetzt werden. Zudem sei ein beherzter Strukturwandel zu forcieren, der neben der weiteren Optimierung der Prozesse insbesondere auch die Einführung der Widerspruchsregelung beinhaltet. „Die Widerspruchsregelung ist ein wichtiger Baustein, um die Organspende in Deutschland voranzubringen. Die Entscheidung jedes Einzelnen wird angestoßen und die Patientenautonomie gestärkt. Wir dürfen die Patientinnen und Patienten auf den Wartelisten nicht mit ihrem Schicksal alleine lassen“, unterstreicht Mroncz.


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