Ein greifbares Unterstützungsangebot für Frauen, Männer und andere Geschlechter im Landkreis Ludwigsburg

Ludwigsburg.| Das umfassende Versorgungsangebot „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ startet am 25. November im RKH Klinikum Ludwigsburg für alle Menschen ab 14 Jahren, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Das Angebot enthält auf Wunsch der Betroffenen eine rechtssichere vertrauliche Spurensicherung direkt im Klinikum. Eine Anzeige oder die Einbeziehung der Polizei ist nicht erforderlich.

Die Projektkoordination liegt bei Cynthia Schönau, Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Ludwigsburg. Aktiv begleitet wird sie durch das Projektteam: Dr. Uschi Traub vom Gesundheitsdezernat des Landkreises, Dr. Melanie Burger und Elena Meißner vom RKH Klinikum Ludwigsburg, Elke Karle von Silberdistel e.V. sowie Pia Rothstein von Frauen für Frauen e.V. Vom Referat Prävention des Polizeipräsidiums steht Karin Stark dem Projektteam zur Seite.

Im Landkreis Ludwigsburg bietet das RKH Klinikum Ludwigsburg ab dem 25. November – pünktlich zum Internationalen Tag der Beseitigung von Gewalt gegen Frauen – bei Sexualstrafdelikten die Möglichkeit einer verfahrensunabhängigen Beweissicherung an. Auch im Falle eines vorläufigen Verzichts auf rechtliche Schritte werden strafrechtlich relevante Beweise für eine spätere Anzeigenerstattung erhoben, dokumentiert und gesichert. Das heißt: Es ist keine Anzeige bei der Polizei erforderlich, um Tatspuren rechtssicher zu dokumentieren. Gleichzeitig wurden Versorgungsstrukturen geschaffen, die von sexueller Gewalt Betroffenen die Zugangswege zu einer guten medizinischen Versorgung erleichtern.

Das Angebot richtet sich an Jugendliche, Frauen, Männer und andere Geschlechter ab 14 Jahren. Dabei steht die medizinische Hilfe sowie der Zugang zu einer integrierten Nachsorge und eine Vermittlung in das psychosoziale Hilfesystem im Vordergrund. Bei der optionalen verfahrensunabhängigen Spurensicherung wird das sichergestellte Beweismaterial zum zuständigen rechtsmedizinischen Institut in Heidelberg gebracht. Dort steht es für Erwachsene ein Jahr und für Minderjährige bis zur Vollendung des 19. Lebensjahres für eine etwaige Anzeigenerstattung zur Verfügung.

Man geht davon aus, dass in Deutschland jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen ist. Nur ein Bruchteil dieser Straftaten wird tatsächlich den Ermittlungsbehörden bekannt. Geschieht sexuelle Gewalt insbesondere im sozialen Umfeld, bringen Betroffene diese oft aus Angst, Scham oder Schuldempfinden nicht zur Anzeige. Aus den gleichen Gründen nehmen sie oftmals auch keine medizinische Versorgung in Anspruch. Hinzu kommt die Befürchtung der Betroffenen, dass gegen ihren Willen ein Strafverfahren in Gang gesetzt werden könnte.

„Die medizinische Soforthilfe nach einer Vergewaltigung schließt die Lücke zwischen einem sofortigen Einleiten eines Ermittlungsverfahrens auch gegen den Willen von Betroffenen und der Nichtanzeige von derart schweren Straftaten. Betroffene sind nun freier in ihren Entscheidungsmöglichkeiten und können medizinische Hilfe ohne Bedenken ins Anspruch nehmen, freut sich Karin Stark vom Referat Prävention des Polizeipräsidiums.

Polizeipräsident Burkard Metzger begrüßt dieses Unterstützungsangebot daher ausdrücklich: „Viele Opfer sexualisierter Gewalt sind unmittelbar nach der Tat nicht in der Lage, eine Entscheidung für oder gegen eine Anzeige bei der Polizei zu treffen. Aus Sorge, dass eine andere Person über ihren Kopf hinweg Anzeige erstatten könnte, nehmen sie dann möglicherweise keine medizinische Versorgung in Anspruch. Das Modell der „Medizinischen Soforthilfe“ erleichtert Betroffenen nicht nur den Zugang zur medizinischen Notfall-Versorgung. Die Verknüpfung mit Handlungshilfen und Angeboten der Spurensicherung ermöglicht es ihnen auch, sich in einer vertrauensvollen Atmosphäre mit weiteren Schritten auseinanderzusetzen, die im Falle einer Anzeige zu einem beweissicheren Ermittlungsverfahren führen können.“

Lizenzgebende Stelle des Modellprojekts „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ ist die Beratungsstelle Frauennotruf in Frankfurt. Träger ist der Verein Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen e.V., Frankfurt.

Im Jahr 2020 startete die Umsetzung dieses Modellprojekts im Landkreis Ludwigsburg auf Initiative und unter Federführung der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises, Cynthia Schönau. Gleich nach seinem Amtsantritt gab Landrat Dietmar Allgaier den Startschuss: „Nachdem Frau Schönau mich auf dieses Projekt aufmerksam gemacht hatte, war ich sofort von der Notwendigkeit überzeugt“, so Dietmar Allgaier. Der Kreistag hat hierzu im November 2020 die benötigten Mittel einstimmig zur Verfügung gestellt. „Auch die Klinikleitung und die Chefärzte haben schnell ihre Zustimmung gegeben“, teilt Cynthia Schönau mit. Ein Modell, das eines ganz besonders im Blick behält: das körperliche und seelische Wohl von Personen ab 14 Jahren, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Aufgrund der hohen Betroffenenzahlen stehen dabei Frauen im Vordergrund. Aus Sicht des Gesundheitsdezernats ist das Hilfsangebot bei sexueller Gewalt gegen Frauen, das eines der größten Gesundheitsrisiken darstellt, enorm wichtig. Auch die Verhinderung von Geschlechtskrankheiten und ungewollter Schwangerschaft spielen eine große Rolle, informiert Uschi Traub.

Der Modellstart wird von einer breitgefächerten Öffentlichkeitskampagne flankiert. Ab dem 23. November werden im Landkreis Großflächenwerbeplakate auf das neue Projekt hinweisen. Ebenso werden insbesondere über die Kreiskommunen und das Staatliche Schulamt Flyer und Plakate verteilt. Kreisrat und Geschäftsführer Florian Lutz der Bäckereikette Lutz hat spontan zugesagt, Informationen auf 100.000 Bäckereitüten drucken zu lassen.

„Nur, wenn wir das Thema Vergewaltigung aus der Tabuzone holen, werden Veränderungen möglich und können Unterstützungsangebote sichtbar werden,“ kommentieren Pia Rothstein von der Beratungsstelle bei sexualisierter Gewalt (Frauen für Frauen e.V.) und Elke Karle von
der Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen (Silberdistel e.V.).

„Nachdem ich von dem Fehlen einer vertraulichen Spurensicherung nach Vergewaltigung im Landkreis und dem Frankfurter Modellprojekt erfahren habe, war für mich klar, dass auch im Landkreis Ludwigsburg die vertrauliche Spurensicherung etabliert werden sollte“, resümiert Cynthia Schönau, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises.

Das RKH Klinikum Ludwigsburg spielt bei diesem Modellprojekt die zentrale Rolle:

Dort können nun nicht nur die Maßnahmen innerhalb der ambulanten Notfall-Versorgung, sondern auch alle erforderlichen medizinischen Maßnahmen beim ersten Besuch in der Notaufnahme erfolgen. Eine für die Betroffenen psychisch belastende erneute Untersuchung in einer ambulanten Praxis am nächsten Tag ist damit in der Regel nicht mehr notwendig. Im Klinikum werden gleichzeitig die Weichen für die Nachsorge und für die Vermittlung in die Beratungsstellen gestellt. Und auf Wunsch findet eine rechtskonforme Spurensicherung statt. Die Regionaldirektorin Anne Matros ist von dem Konzept überzeugt: „Dem Engagement der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, der Kinderklinik sowie der weiteren Beteiligten gilt mein Respekt und meine Anerkennung“.

Während das Klinikteam das medizinische Versorgungsangebot stellt, zieht Projektkoordinatorin Cynthia Schönau mit ihrem Projektteam im Hintergrund die Fäden und leistet Organisation, Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Die dabei involvierten Fachberatungsstellen bieten den Betroffenen auf Wunsch eine persönliche Beratung an. Das vertrauliche Gespräch richtet sich nach den Bedürfnissen der betroffenen Personen. Das Referat Prävention des Polizeipräsidiums unterstützt durch Fachexpertise und stimmt die Schnittstelle zur Polizei ab. Alle beteiligten Stellen von der Pforte im RKH Klinikum Ludwigsburg über die Beratungsstellen bis zur Polizei müssen bei diesem Projekt die Abläufe und Vorgaben gut kennen. Betroffene sollen in einer solchen Ausnahmesituation gut über ihre Möglichkeiten informiert und bestmöglich betreut und versorgt werden.

Ausdrücklich begrüßt wird die Etablierung der „Medizinischen Soforthilfe nach Vergewaltigung“ vom „Runden Tisch gegen Häusliche Gewalt in Stadt und Landkreis Ludwigsburg“, vom Kinderschutzbund Ludwigsburg sowie vom Vorstand der Ärzteschaft Landkreis Ludwigsburg.

Auf der Homepage des Projekts: www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de kann man sich informieren oder Fragen direkt an [email protected] richten.