Stuttgart.| Hormonproduktion, Immunsystemsteuerung, Entgiftung: Die Leber ist ständig im Einsatz. Erkrankt sie, wird es meistens erst spät erkannt. Gleichzeitig sind bis zu 30% der Erwachsenen im Land von dem lange „lautlosen“ Krankheitsbild der nichtalkoholischen Fettleber betroffen, der häufigsten Lebererkrankung in Deutschland. In Stuttgart leiden nach Zahlen der AOK 5.332 Menschen daran. Aufgrund der Veränderung der Lebensgewohnheiten, des demografischen Wandels und der zunehmenden Komplexität von medikamentösen Therapien ist mit einer weiteren Zunahme zu rechnen. Nicht zuletzt auch wegen den Beschränkungen während der Pandemie.

Die meisten wissen nichts von Ihrer Erkrankung, denn die Leber leidet stumm. Häufig kommen Patienten deshalb zu spät in ärztliche Behandlung. „Die Krankheit kann über Jahre völlig unbemerkt und ohne Beschwerden verlaufen. Die Leber lagert Fett ein und schwillt an – in schweren Fällen bis auf die doppelte Größe, die Belastung zeigt sich allenfalls durch Müdigkeit und Konzentrationsstörungen. Wenn eine Entzündung hinzukommt, treten in etwa der Hälfte der Fälle unspezifische Beschwerden auf“, so Dr. Hans-Peter Zipp, Arzt bei der AOK Baden-Württemberg.

Im Jahr 2019 befanden sich insgesamt 113.810 bei der AOK Baden-Württemberg versicherte Menschen wegen einer nichtalkoholischen Fettleber in Behandlung. Seit 2015 sind die Behandlungszahlen leicht ansteigend. Männer sind häufiger betroffen

als Frauen. So stiegen bei den AOK-versicherten Stuttgarter*innen die Behandlungszahlen von 4.155 in 2015 (Frauen: 1.936; Männer: 2.219) auf 5.332 im Jahr 2019 (Frauen: 2.550; Männer 2.782), das entspricht einer mittleren jährlichen Steigerung von 4 Prozent.

Ursachen der Leberverfettung sind endokrine oder Fettstoffwechselstörungen, eine Hepatitis C-Infektion, Alkohol oder bestimmte Medikamente. Andere Auslöser können ernährungsbedingte Erkrankungen sein, wie krankhaftes Übergewicht (Adipositas) und Diabetes, oder auch Umweltgifte. Dr. Zipp: „Deshalb sind Lebererkrankungen zu einem größeren Teil auch ein Wohlstandssyndrom und damit vermeidbar.“ Unabhängig von den jeweiligen Auslösern können alle Lebererkrankungen letztlich zu schweren Verläufen wie Leberzirrhose und Leberkrebs führen. Und je länger eine Leber-erkrankung unentdeckt bleibt, umso größer ist das Risiko, dass die Erkrankung ein gefährliches, nicht umkehrbares Stadium erreicht. Im Frühstadium sind viele Lebererkrankungen dagegen oft gut zu behandeln, indem zum Beispiel Alkohol oder Gifte gemieden und die Ernährung umgestellt wird. „In der Regel ist die Einlagerung von Fett in die Leberzelle reversibel – kann also rückgängig gemacht werden. Häufig genügen schon eine ausgewogene, gesunde Ernährungsweise, der Verzicht auf Alkohol und körperliche Bewegung, damit sich die Fetteinlagerungen zurückbilden“, so der Mediziner.

Auch die Maßnahmen aufgrund der Corona-Pandemie hätten zu einer Verschlechterung der gesundheitlichen Situation beigetragen, heißt es weiter in der Pressemitteilung der AOK. So habe sich der Alkoholkonsum von der Kneipe ins häusliche Wohnzimmer verlagert. Einer Studie von Global Drug Survey* zufolge wurden im Mai und Juni letzten Jahres knapp 60.000 Personen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Österreich, in den Niederlanden, der Schweiz, Australien, Neuseeland, Brasilien und in den USA befragt. Davon gaben 43 Prozent an, seit der Pandemie häufiger Alkohol getrunken zu haben. 36 Prozent gaben an, mehr Alkohol konsumiert zu haben. Hinzu komme, dass ausgleichende Tätigkeiten und Sozialkontakte wie Treffen mit Freunden, Ausgehen und Sport im Verein oder Fitnessstudio meist nicht stattfinden können.