Ludwigsburg setzt auf natürliche Feinstaubfilter

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Ludwigsburg.| Kleine Teilchen gefährden die Gesundheit: Feinstaub ist weltweit eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Zur Verbesserung der Luftqualität führt die Stadt Ludwigsburg verschiedene Tests mit Mooswänden durch – mit dem Ziel, einen integrierten Ansatz für eine Begrünungswand zu entwickeln. Die integrierten grünen Wände sollen Lärmschutz sein, die Luftqualität (Reduktion von Feinstaub, Stickstoffdioxid) und das lokale Kleinklima (u.a. Kühlung im Sommer) verbessern, sowie die Biodiversität fördern. Sollten die Tests mit den Mooswänden erfolgreich verlaufen, ist geplant, die Moose als integralen Bestandteil einer grünen Wand zu verwenden.

Um das Potenzial von Mooswänden optimal auszuschöpfen, haben sich die Ed. Züblin AG, die Helix Pflanzen GmbH und die DITF-Deutsche Institute für Textil- und Faserforschung zum Forschungsprojekt MoosTex zusammengeschlossen. Testfeld ist eine der meist befahrenen Straßen der Stadt Ludwigsburg, die B27. Auf einem Streckenabschnitt bei Eglosheim werden im Rahmen des ZIM Forschungsprojekt MoosTex und des Living LaB Ludwigsburg insgesamt vier neuartige Testwände installiert, die mit speziell gezüchteten Moosen bestückt sind.

Feinstaub ist nicht nur in der Region Stuttgart eine dringliche Herausforderung: weltweit ächzen Großstädte unter zunehmender Belastung der Luft durch die kleinen Partikel. Feinstaub entsteht zum einen auf natürlichem Weg – zum Beispiel bei Vulkanausbrüchen -, zum anderen überwiegend durch industrielle Emissionen und im Straßenverkehr, beispielsweise durch Emissionen von Verbrennungsmotoren und Bremsabrieb. Die freigesetzten Kleinstpartikel gelangen durch die Atmung in den menschlichen Organismus und gefährden in hohen Konzentrationen die Gesundheit, wie auch das Umweltbundesamt meldet.

Vor allem in großen Städten Chinas hat die Feinstaubbelastung dramatische Ausmaße angenommen – entsprechend vielfältig sind die Lösungsansätze, die derzeit erprobt werden. Sie reichen von konventionellen Methoden wie Fahrverboten und Produktionsstopps in Fabriken bis zum Einsatz neuer Technologien. Beispielsweise sollen Drohnen Chemikalien versprühen, die Feinstaubteilchen binden. Außerdem wird das Experiment erwogen, flüssigen Stickstoff durch Tanks in die Höhe zu pumpen und dort zu vernebeln, um Schwebstoffe auszufrieren, die dann zu Boden fallen. Der Einsatz von Chemikalien wird allerdings kritisch gesehen, zumal die Auswirkungen derzeit nicht absehbar sind. Das Max-Planck-Institut beurteilt gerade das Stickstoff-Experiment als risikoreich und ineffizient: die Energiemengen für die Herstellung des Flüssigstickstoffs seien riesig und kaum zu schätzen. Darüber hinaus bestehe die Gefahr, dass die Bewohner Kälteverbrennungen erleiden, wenn der Stickstoff nicht langsam genug und in ausreichender Höhe verteilt wird.

Fahrverbote und Mautregelungen wie in Italien oder England tragen laut Studien nur bedingt zur Lösung des Problems bei: So hat die 2003 eingeführte City-Maut in London zwar tatsächlich das Verkehrsaufkommen verringert, die Feinstaubbelastung blieb im Grunde konstant. Auch Tempolimits garantieren keine signifikante Verbesserung der Luftqualität. Deshalb subventioniert Österreich nun zum Beispiel Partikelfilter bei Dieselfahrzeugen und fördert den Einsatz von Biodiesel.

Einer der besten „Feinstaub-Schlucker“ ist so natürlich wie wirkungsvoll: Moos. In Laborversuchen entwickelten Moose einen regelrechten „Heißhunger“ auf das im Feinstaub enthaltene Ammoniumnitrat, weshalb das ZIM Projekt als vielversprechender Praxistest angesehen werden kann.

Zur Verbesserung der Luftqualität entwickeln die Projektpartner des ZIM Forschungsprojekt MoosText – die Helix Pflanzen GmbH in Kornwestheim, die DITF in Denkendorf und das Stuttgarter Bauunternehmen Ed. Züblin AG – ein neuartiges Panel System, das mit Moosen bestückt ist, die für unterschiedliche Umweltbedingungen kultiviert werden und zusammen mit dem Living LaB in Ludwigsburg aufgestellt werden. Für die Befeuchtung der Moose sind – je nach Bedingungen vor Ort – passive oder aktive Bewässerungssysteme vorgesehen.

Eine MoosTex-Wand besteht aus vier Panels und ist einen Meter breit und etwa 2,5 Meter hoch und kann im Verbund mit weiteren Panels zu beliebig langen und auch höheren Wänden zusammengesetzt werden. Die Modulbauweise hat den weiteren Vorteil, dass der Einsatz der Panels individuell an lokale Gegebenheiten angepasst werden kann. Die vergleichsweise schmalen Panels sind nicht nur platzsparend, sondern auch sehr einfach auszutauschen und dadurch auch temporär an stark betroffenen Stellen im urbanen Raum einsetzbar.

Ein weiteres Ziel des ZIM Forschungsprojekt MoosTex ist die Entwicklung eines Servicekonzepts zur Erstellung eines Wartungsplans, der eine an die Umweltbedingungen angepasste Betreuung der Feinstaub-Schallschutzpanels während der Nutzungsphase gewährleistet.

Das Living LaB Ludwigsburg
Das LivingLaB Ludwigsburg ist die kreative Antwort auf die sich stetig und immer schneller verändernde Umwelt und die großen gegenwärtig stattfindenden technologischen Umwälzungen. Gleichzeitig gibt es das gewachsene Verständnis seitens der Industrie und der Wissenschaft zunehmend Lösungen zur Verbesserung der Lebensqualität in den Städten gemeinsam mit den Stadtverwaltungen zu erarbeiten.

Die Stadt Ludwigsburg erarbeitet in regelmäßigen Treffen des „LivingLaB Innovationsnetzwerk“ die Grundlagen für die Projektumsetzung. An diesem wirken Wirtschaftspartner wie Bosch, Siemens, Porsche Digital und Züblin, MHP und Forschungspartner wie Fraunhofer IAO, die Universität Stuttgart und die Hochschule für Technik Stuttgart mit. Für den ebenfalls involvierten Gemeindetag Baden-Württemberg fungiert Ludwigsburg als Pilotstadt, in der Folge auch in enger Kooperation mit dem Städtetag Baden-Württemberg.