Achtung?! an der Carl-Schaefer-Schule

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Die Referenten Türkan Karakus und Daniel Meyer - Foto: CSS

Ludwigsburg.| Achtung?! Unter diesem Motto steht eine Initiative des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, das über Extremismus und Radikalisierung aufklären will. Dabei geht es sowohl um die politische als auch die religiöse Dimension der Radikalisierung.

Tanja Eulenberg, Schulsozialarbeiterin an der Carl-Schaefer-Schule ist es gelungen, das in Baden-Württemberg einmalige Projekt Achtung?! an die Carl-Schaefer-Schule zu holen. Das Projekt besteht aus verschiedenen Bausteinen. Ein interaktives Theaterstück der Gruppe „Courage“ sensibilisiert junge Menschen für die Gefahren von Extremismus und Radikalisierung und zeigt auf, wie leicht und schnell Radikalisierungsprozesse vonstatten gehen können. Schon im Dezember wurde des Stück in der Aula der Schule aufgeführt und anschließend in den Klassen aufgearbeitet. „Das Stück ergibt erst im Kontext mit Gesprächen und Rückfragen richtig Sinn.“ sagt Eulenberg. Sie habe wegen der begrenzten Kapazität leider nur wenige Klassen beteiligen können. In diesen Klassen sei die Thematik jedoch mittlerweile sehr präsent und die Jugendlichen haben eine hohe Sensibilität entwickelt.

Ein weiterer Baustein von Achtung?! ist die Information und Aufklärung von Eltern, Ausbildern und Lehrern. Dazu waren in der vergangenen Woche Türkan Karakus vom Polizeipräsidium Ludwigsburg und Daniel Meyer vom Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg an die Carl-Schaefer-Schule gekommen.

Insbesondere Rechtsextremismus und Islamismus sind aktuell von Bedeutung und stellen eine Gefahr nicht nur für die betroffenen Jugendlichen, sondern für die Gesellschaft dar. Vor allem Jugendliche, die sich als Bildungsverlierer sehen, seien gefährdet. „Im Alter zwischen 12 und 19 Jahren stellen Jugendliche existentielle Fragen und empfinden eine Unsicherheit über ihre Perspektiven. Diese Unsicherheit nutzen radikale und extremistische Gruppen aller Art aus und geben einfache Antworten.“ erzählt Karakus. Dabei komme es weniger darauf an, was die konkreten Inhalte der Gruppen sind, sondern dass sie den Jugendlichen den Eindruck vermitteln, sie würden gebraucht und seien wichtig. „Ein Mensch, dem es gut geht, wird kein Extremist“ berichtet ein Aussteiger aus der Salafistenszene in einem eingespielten Film. „Wer in der Schule nicht mitkommt, fühlt sich als Verlierer. Und dann kommt da jemand uns sagt ‚Du bist wichtig, wir brauchen Dich, Du kannst die Welt retten!‘ da wird man leicht schwach.“ Daniel Meyer schätzt insbesondere die Identitäre Bewegung (IB) als große Gefahr aus dem rechten Spektrum ein. Die Gruppierung fordert eine homogene Volksgemeinschaft ohne Zuwanderung und Vielfalt. In der Aufnahme von Geflüchteten sieht sie eine geplante Zerstörung des deutschen Volkes und der eigenen kulturellen Identität – eine klassische Argumentationsweise der extremen Rechten.

In ihrem Vortrag zeigen Karakus und Meyer Beispiele der Anwerbestrategien. Die Professionalität, mit der z.B. der sogenannte „Islamische Staat“ im Internet wirbt, ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Sie weisen außerdem auf Warnzeichen bei der Radikalisierung junger Menschen hin. Eltern, Lehrer, Ausbilder, aber auch Mitschüler seien hier gefordert, aufmerksam zu sein, um möglichst frühzeitig reagieren zu können.

In der abschließenden Diskussion wurde insbesondere von einigen Eltern bedauert, dass sich die Nachfrage an dem Informationsabend mit gut vierzig Teilnehmern sehr in Grenzen gehalten hatte und dass das Projekt nicht für alle Klassen zur Verfügung steht. Türkan Karakus wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es sich um ein von der EU gefördertes Pilotprojekt handle, dessen Finanzierung gedeckelt und zeitlich begrenzt sei.

Die rege Diskussion im Anschluss an den Vortrag zeigte, dass das Thema gerade von Seiten der Eltern als wichtig erachtet wird. Ein Vater, der aus der Türkei stammt und eine Firma mit mehreren Angestellten leitet, bedauerte vor allem, dass häufig Muslime und Islamisten in einen Topf geworfen werden und keine deutliche Unterscheidung vorgenommen wird, was für ihn des Öfteren zu Schwierigkeiten führt. Gerade hier hilft „Achtung?!“ jedoch weiter, steht doch die Aufklärung über radikale und extremistische Strömungen aus verschiedenen Bereichen im Mittelpunkt.

Ebenfalls von Elternseite wurde vorgeschlagen, das Projekt mit allen Klassen der Carl- Schaefer-Schule durchzuführen, was aber derzeit wegen der großen Nachfrage und der nur befristet gesicherten Finanzierung nicht möglich ist. Eine Fortsetzung und Ausweitung im und über den Einzugsbereich des Polizeipräsidiums Ludwigsburg hinaus wäre äußerst wünschenswert.

Informationen über die Initiative Achtung?!, bei dem verschiedene Projektbeteiligte, darunter die Landeszentrale für politische Bildung und die Stiftung Weltethos zusammenarbeiten, stehen auf der Internetseite www.radikalisierung.info zur Verfügung. Hier finden sich auch Hinweise auf Beratungsstellen, an die man sich wenden kann, wenn das Thema im eigenen Umfeld auftritt.